»Archive des Überlebens. Kunst, Zeug*innenschaft und Erinnerungsarbeit nach Aghet«

07.07.2026 – 19 Uhr

Mit Dr. Jeanette Ehrmann, Prof Dr. Elke Shoghig Hartmann, Beatrice Moumdjian, Dr. Eren Yetkin.

Moderation: Gabriela Seith

Aghet (Աղետ), armenisch für “die Katastrophe”, ist die Bezeichnung für den Genozid an den Armenier*innen. In den Jahren 1915-1917 wurden schätzungsweise 1,5 Mio. Armenierinnen im Osmanischen Reich deportiert und ermordet. Viele Überlebende mussten ins Exil fliehen und bauten weltweit neue diasporische Gemeinschaften auf, die bis heute die Geschichten der Überlebenden bewahren, Wissen weitergeben und Räume für Austausch und Gedenken schaffen. Der  Genozid wird bis heute in der Türkei staatlich geleugnet. In Deutschland verabschiedete der Bundestag 2016 eine Resolution zum Armenischen Genozid an und benannte dabei auch die Mitverantwortung des Deutschen Kaiserreichs als damaligem militärischen Verbündeten des Osmanischen Reichs.  

Die eingeladenen Gäste diskutieren aktuelle Fragen einer transnationalen und solidarischen Erinnerungskultur: Wie können künstlerische, aktivistische und wissenschaftliche Ansätze dazu beitragen, verdrängte Gewaltgeschichten oder umkämpfte Erinnerungen sichtbar zu machen?

Aus unterschiedlichen Perspektiven geben die Gesprächsteilnehmenden Einblicke in verschiedene Formen dieser Erinnerungsarbeit sowie in deren Möglichkeiten, Widerstände und Grenzen: Jeanette Ehrmann forscht zum Zusammenhang von Demokratie, Erinnern und Diaspora und begleitet wissenschaftlich die Kölner Initiative „Völkermord erinnern“, die das erste Mahnmal für den Genozid an den Armenier*innen im öffentlichen Raum in Deutschland aufgestellt hat. Elke Shoghig Hartmann arbeitet kollektiv an dem transnationalen Online-Archiv “Houshamadyan”, das Spuren armenischen Lebens im Osmanischen Reich sammelt und dokumentiert. Beatrice Moumdjian nutzt die Fotografie in ihrer künstlerischen Arbeit, um Fragen von Verlust, Aufarbeitung und Kontinuität nachzugehen. Eren Yetkin forscht zu staatlichen Erinnerungspolitiken in der Türkei und untersucht insbesondere kurdische Perspektiven als Gegenstimmen zur staatlichen Leugnung.

Moderiert wird das Gespräch von Gabriela Seith, die zu künstlerischen Praktiken im Kontext des Genozids in Bosnien-Herzegowina forscht.

Jeanette Ehrmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Theorie der Politik der Humboldt-Universität zu Berlin und Strategic Interlocutor im Centre for Advanced Studies Reflexive Globalisation and the Law. Colonial Legacies and their Implications in the 21st Century (RefLex). Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Rahmen der Demokratietheorie, wo sie zum Zusammenhang von Erinnern, Demokratie und Diaspora arbeitet. Sie leitet derzeit das partizipative Forschungsprojekt “Dieser Schmerz betrifft uns alle. Multidirektionales Erinnern an den Genozid an den Armenier*innen in der postmigrantischen Demokratie“ mit der Initiative Völkermord erinnern in Köln im Rahmen der Förderlinie „Open Humboldt Freiräume“ 2026/27. Sie wirkt außerdem Dokumentarfilm „Voices of Vakifli“ des Regisseurs Garegin Vanisian mit. Elke Shoghig Hartmann ist Professorin und Leiterin des Instituts für Osmanistik und Turkologie an der Freien Universität Berlin. Vor ihrer Berufung an die FU Berlin hatte sie Gastprofessuren in Berlin (Islamwissenschaft), Bamberg (Kulturwissenschaften des Vorderen Orients) und Hamburg (Turkologie) und hat als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin (Islamwissenschaft, Selbstzeugnisforschung, Geschichte, Turkologie), an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Russland-Asien-Studien, transosmanische Verflechtungsgeschichte) und an der Katholischen Péter Pázmány Universität Budapest (Armenische Studien, Geschichte) gearbeitet. 2010 hat sie gemeinsam mit Vahé Tachjian das Projekt www.houshamadyan.org gegründet. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Geschichte der Armenier*innen im Osmanischen Reich, moderne Staats- und Nationsbildung sowie die Militär- und Gewaltgeschichte des Osmanischen Reiches mit einem regionalen Schwerpunkt auf den Ostprovinzen, die vergleichende Imperienforschung und osmanisch-türkische sowie armenische Selbstzeugnisse. Eren Yildirim Yetkin, Dr. phil., promovierte am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. In seiner Doktorarbeit, die unter dem Titel Violence and Genocide in Kurdish Memory. Exploring the Remembrance of the Armenian Genocide through Life Stories (2022) erschien, beschäftigte er sich mithilfe von biographischen Interviews aus Van und Istanbul, der Türkei, und Ethnographien von Ausstellungen sowie Gedenkorten mit dem kurdischen kollektiven Gedächtnis an den Armenischen Genozid. Er verfasste darüber hinaus die Studie Jugendliche Erinnerungspraktiken. Methodenplurale Forschung zur Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart (2025) mit und ist Mitherausgeber des Sammelbands Lives in Fragments. Self-Narrative Sources and Biographical Approches to the Armenian Genocide (2026). Zu seinen Forschungsinteressen zählen Narrativität politischer und kollektiver Gewalterfahrungen, Erinnerungsarbeit, Biographieforschung und Rassismusforschung. Er arbeitet an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Forschung. Gabriela Manda Seith ist Forscherin und Kuratorin, die sich in ihrer Arbeit auf Migration, Ökologie, Gender sowie post- und dekoloniale Fragestellungen konzentriert. In ihrer Dissertation kontrastierte sie die lokalen Funktionen von Kunst während der Belagerung Sarajevos – die vor Ort einen gemeinschaftlichen Raum für Hoffnung, Trauer, Bewahrung, Selbstrepräsentation und Widerstand schuf – mit ihrer internationalen Wahrnehmung im Zuge von Globalisierung und wiederauflebendem Balkanismus. Als freie Kuratorin hat sie Ausstellungen und Projekte an Institutionen wie der neuen Gesellschaft für bildende Kunst, dem Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, dem Neuen Museum Nürnberg, dem Historischen Museum von Bosnien und Herzegowina, dem Goethe-Institut Sarajevo, dem Nationalmuseum von Bosnien und Herzegowina, der Nationalgalerie von Bosnien und Herzegowina sowie dem War Childhood Museum in Sarajevo (mit-)kuratiert. Beatrice Moumdjian befasst sich mit kulturellen Kontinuitäten und ihren Brüchen, mit Bezug auf ihre Herkunft in Eurasien – dem Balkan sowie dem sogenannten “Orient”. Beatrice wurde 1986 in Sofia, Volksrepublik Bulgarien, in die armenische Familie ihrer Mutter geboren, und erwarb 1994 im ehemaligen Ost-Berlin die deutsche Staatsbürgerschaft mit Hilfe einer Geburtsurkunde, die durch Bestechung des bulgarischen Inlandsgeheimdienstes DS beschafft wurde. Ihre Praxis ist intersektional, auch geformt durch eigene komplexen Erfahrungen der Rassifizierung und Mehrfach-Marginalisierung.

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